Am 20. Mai 2020 ist in der Zeitschrift „Evangelisches Frankfurt und Offenbach” nachstehender Artikel veröffentlicht worden. Die Fotos und Interviews sind anlässlich des Konzerts von Blech inTakt am 8. März 2020 entstanden.

Der Klang der Mission

von Anne Rose Dostalek

20. Mai 2020

Rund 7000  evangelische Posaunenchöre gibt es in Deutschland, mit 120.000  Bläserinnen und Bläsern. Anspruchsvolle Konzerte sind ebenso Teil ihres  Repertoires wie die Begleitung von Gottesdiensten oder Ständchen in Altenheimen. Seit 2016 gehören die Posaunenchöre sogar zum  Unesco-Kulturerbe.

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Posaunenchöre wurden im 19. Jahrhundert zur größten evangelischen Laienbewegung in Deutschland.

Kerzenschimmer vom Altar spiegelt sich auf den Instrumenten: Da ist die gewaltige Tuba mit dem nach oben gerichteten Trichter. Da sind die kleinen Trompeten, aus denen helle, hohe Klänge hinausgeblasen werden. Die beiden Waldhörner, gut zu unterscheiden  durch ihre kreisrund gewickelte Form. Das Euphonium, auch als €ž„kleine  Tuba” bekannt, das für die weichen, tieferen Töne zuständig ist. Schließlich die schmalen Posaunen mit dem zylindrischen Schalltrichter und dem langen Zug: In voller Besetzung gibt der  Bockenheimer Posaunenchor ž„Blech inTakt” in der Dreifaltigkeitskirche  ein Gastspiel. Es ist Anfang März, noch ahnt niemand, dass es für lange  Zeit das letzte Konzert mit Publikum sein wird.

Statt mit Chorälen und geistlicher Musik wartet das Programm mit viel  Romantik auf, mit Komponisten wie Dvorak, Grieg, Mendelssohn-Bartholdy, Wagner und Webber. Schon vor einiger Zeit hat der Bockenheimer Posaunenchor die traditionellen musikalischen Bahnen  verlassen und sich in mehr Leichtigkeit geübt. Wer Viervierteltakt und  grad- liniges Spiel gewöhnt war, habe sich erst herantasten müssen an  Gospel, Swing, jazzige Klänge und moderne Popsongs, sagt Kantor Notker Bohner, der den Chor seit 1993 leitet. Aber viele  seien begeistert von der modernen Literatur: €ž„Das hat unser Spiel  befruchtet”.

Posaunenchöre sind eine zentrale Säule des protestantischen Gemeindelebens. Mehr als  7.000 gibt es in Deutschland, mit über 120.000 Bläserinnen und Bläsern,  wie der 1994 gegründete Dachverband „€žEvangelischer Posaunendienst in Deutschland” (EPiD) mitteilt. Allein  in Frankfurt und Offenbach gibt es zurzeit 16 aktive evangelische  Posau- nenchöre. Der Älteste ist in Oberrad beheimatet und wurde 1901  gegründet. In Offenbach gibt es einen Posaunenchor, der 1905 von dem musikbegeisterten Handwerksmeister Otto Wagner und  fünf jungen Männern aus dem CVJM ins Leben gerufen wurde. Der jüngste  Posaunenchor entstand 2019 im Gallus.

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Ihre Geschichte reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Zur Zeit  der fortschreitenden Industrialisierung entwickelte sich auch eine neue  Art der Volksfrömmigkeit. Erweckungsgottesdienste fanden in großen Sälen oder in der freien Natur statt, dabei wurde viel gesungen, geistliche Choräle ebenso wie Volkslieder. Zur Begleitung und Unterstützung wurden die einfach handhabbaren Blechblasinstrumente  immer beliebter. Unzählige Gemeindemitglieder bildeten sich an Trompete, Posaune oder Horn aus.

Prägend war dabei der westfälische Pfarrer Johannes Kuhlo (1856 - 1941), der  viele Chöre gründete, Lieder und Melodien sammelte, Tonsätze schuf und  publizierte. Er führte auch eine neue Schreibweise für Blechblasmusik ein, indem er die Stimmen klingend notierte, wie man sie beim Spielen auf den Instrumenten greift. Das ermöglichte es auch  Ungeübten, die Noten zu lesen.

Mit seiner fast schon missionarischen Posaunenchorarbeit wollte Kuhlo vor  allem junge Männer aus der Arbeiterschaft erreichen. Bis 1934 gehörten  die Chöre organisatorisch zum „€žChristlichen Verein Junger Männer” (CVJM), unter Hitler wurden sie jedoch der  Reichskulturkammer der Nazis unterstellt, und Kuhlo avancierte zum  „Reichs- posaunenwart”.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden auf Landesebene neue Verbände,  und in den Gemeinden wurden zahlreiche neue Chöre gegründet. Einer davon war in den 1950ern der Posaunenchor der damaligen Markusgemeinde in Bockenheim, aus dem später „€žBlech inTakt”  wurde. Der Chor bestand anfangs nur aus fünf Bläsern, ihren ersten  Auftritt hatten sie am 1. Januar 1955 mit einem Neujahrsblasen vom  Kirchturm.

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Der Posaunenchor „Blech in Takt" aus Bockenheim besteht seit den 1950ern.

Reinhold Klumpp erinnert sich noch an Diakon Erich Schubert, der ihm als kleinem Bockenheimer Bub das Trompetenspielen beibrachte. Heute ist Klumpp eine feste musikalische Stütze im Chor, auch wenn er nicht mehr Trompete spielt, sondern Euphonium. Schon „eine gefühlte Ewigkeit” ist auch Ilona Blöcker dabei. Es sei einfach schön,  in der Gemeinschaft zu spielen, sagt die 62-Jährige, die auch ihren Mann Joachim hier kennengelernt hat. „€žWir sind eine schöne Gemeinschaft”, bestätigt der Tuba-Spieler Martin Grunenberg (55). „€žIch stehe nicht im Vordergrund, sondern habe meinen Platz  hinten.”

Genügend Luft braucht er, um sein Instrument zum Klingen zu bringen. Aber nicht  so viel Luft, wie viele meinen. Denn es sind die vibrierenden Lippen,  die die Luftsäule im Inneren eines Blechblasinstruments ins Schwingen bringen.

Die zwanzig Aktiven, die heute „€žBlech in Takt” bilden, spielen zwei  anspruchsvolle Konzerte im Jahr, sind aber auch sonst aus dem  Alltagsleben der Gemeinde nicht wegzudenken. Sie liefern musikalische Begleitung bei Gottesdiensten, Taufen, Hoch- zeiten,  Konfirmationen oder Gemeindefesten. Sie spielen in Altersheimen, im  Kranken- haus oder im Kindergarten. Werden sie in kleiner Besetzung für  eine goldene Hochzeit bestellt, spielen sie „€žNun danket alle Gott”. Den Gospel „€žSiyahamba” wünschen sich häufig die  Jugendlichen für ihre Konfirmation. Und im Dezember spielt der Chor  regelmäßig mit klammen Händen Weihnachtslieder auf der Leipziger Straße, begleitet das Krippenspiel auf dem Kirchplatz und freut sich über alle, die dann kommen, stehen bleiben, lauschen.

Anne Rose Dostalek

Fotos: Rui Camilo

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Posaunenchor der

Evangelischen Gemeinde

Bockenheim

Kirchplatz 9

60487 Frankfurt am Main

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